Wird die Mode aus Corona lernen?

„Mode ist ein verderbliches Gut.“ – Zitat einer Branchenvertreterin aus einer der Landeswirtschaftskammern in der Corona Krise. Kaum eine Aussage ist falscher: Wie jetzt? So verderblich wie Äpfel, Birnen, Käse? Kann es sein, dass das totaler Käse ist und hier Äpfel mit Birnen verglichen werden???

Und dennoch wissen wir genau, was sie meint:

  • Die schnellen Kollektionswechsel – im besten Fall „nur“ den Jahreszeiten (Sommer und Winter = 2x/Jahr) folgend, im schlimmsten Fall im Drei- Wochen- Takt, um den Kaufkreislauf ordentlich anzuheizen,
  • der Druck der Lagerbereinigung, um den neuen Kollektionen Platz zu machen und die damit verbundenen Rabattschlachten,
  • der Druck am globalen Massenmarkt zu immer billigeren Preisen auf Kosten der Qualität, unserer Umwelt und der sozialen Ausbeutung der Arbeiter*innen im Süden

sind die Ursachen dafür, warum Mode nur für kurze Zeit ihren vollen Wert besitzt und danach tatsächlich als wertlose, verderbliche Ware gilt. Kaum eine Tatsache ist beschämender für eine gesamte Branche im Angesicht der noch viel größeren Klimakrise, die nach Corona auf uns zurollt!

Das ist auch der Grund dafür, warum die neue GÖTTIN DES GLÜCKS Genossenschaft keine Modekollektionen im Saisonwechsel mehr anbieten wird. Wir haben unsere Kollektionen in der "alten GÖTTIN" zwar BIO und FAIRTRADE produziert - also so fair wie möglich im Herstellungsprozess - aber dennoch waren wir zur Lagerbereinigung und den Rabattschlachten am Ende der Saisonen gezwungen. Das ist ökonomisch gesehen ein Wahnsinn und eigentlich nicht nachhaltig, denn Mode sollte länger ihren Wert behalten als ein paar Monate. Daher wird es in der neuen GÖTTIN DES GLÜCKS Genossenschaft nur noch textile Basics wie Unterwäsche und sonstige zeitlose und saisonunabhängige Modelle in Basic- Schnitten geben. Dies als Information für alle, die in den letzten Wochen gefragt haben, ob wir wieder Mode machen. Wer sich jetzt gar nicht auskennt: HIER ist unsere Geschichte nachzulesen.

Aber die Chuzpe bei all diesem Wahnsinn im Modezirkus ist: Es geht NOCH schlimmer!!! Man kann es nicht glauben:

Die Corona Krise ist nicht die Ursache für die katastrophalen Bedingungen, die in der globalen Textilindustrie herrschen. Aber sie hat diese mit größter Deutlichkeit sichtbar gemacht. Die Clean Clothes Campaign, das internationale Netzwerk zur Verbesserung der Arbeitsrechte in der Bekleidungs- und Schuhproduktion, berichtet seit Beginn der Corona Krise über katastrophale Zustände in den Produktionsländern, vor allem in Asien, der Nähstube der Welt: Die Krise wird von den Fabriksbesitzern (mit Druck der internationalen Marken dahinter) genutzt, um Gewerkschaften aufzulösen und aufmüpfige Arbeiter*innen, die aktiv oder einfach nur Mitglied in Gewerkschaften sind, abzustoßen. Ganze Fabriken werden geschlossen, wenn sie Gewerkschaften haben.

Das geht ganz einfach von einem Tag auf den anderen, weil die Arbeiter*innen keine schriftlichen Arbeitsverträge und daher auch keinen Kündigungsschutz haben: Arbeiter*innen werden von heute auf morgen auf die Straße gesetzt, die bis dahin geleistete Arbeit wird nicht abgegolten. Wenn die Arbeiter*innen vor den geschlossenen Fabriken protestieren, wird auf sie von den Firmen Securities geschossen. Die Firmen Securities bedrohen die Menschen in ihren Dörfern, damit sie nicht weiter protestieren.

Corona ist deshalb eine unfassbare Katastrophe für die Arbeiter*innen, weil sie von Haus aus schon so wenig verdienen, dass sie keine Rücklagen, keine Ersparnisse, nicht einmal das Nötigste zum Leben in ihrem normalen Alltag haben. Wenn sie dann in einer Krise auch noch über Nacht auf die Straße gesetzt werden, dann ist das Leben tatsächlich vom Hungertod bedroht.

HIER geht es zu einem der Videos der Clean Clothes Campaign.

AUS TRAURIGEM, AKTUELLEM ANLASS: H&M

Während H&M ausgerechnet im Moment hier in Österreich kräftig auf die Fernsehwerbetrommel drückt, wie nachhaltig die Produkte sind (recyclete Perlen auf den Sandalen, Zero Waste Fashion, Biobaumwolle uvm.) und eine umfangreiche Darstellung ihrer Nachhaltigkeitsaktivitäten auf der Website präsentiert, passieren auf der anderen Seite der Welt Dinge, die das Gegenteil von nachhaltig sind. Folgend ein Auszug der Darstellungen der Clean Clothes Campaign Österreich (News- Meldung vom 14.Juli 2020, wörtlich übernommen):


Quelle: https://www.cleanclothes.at/de/themen/news/girls-unite-for-labour-rights/

[... “Girls Unite,” steht auf einem aktuellen T-Shirt von H&M. Der Konzern bedient sich gerne feministischen Statements. Aber was steckt wirklich dahinter?

Seit fast einem Monat protestieren 1.300 Arbeiter*innen einer Zulieferfabrik von H&M in Karnataka (Südindien) gegen ihre Entlassung und die Zerschlagung ihrer Gewerkschaft. Am 6. Juni aber wurden alle 1.300 Arbeiter*innen, vor allem Frauen, per Lautsprecheranlage entlassen und standen so plötzlich ohne Lohn da. Als Grund wurden die ausbleibenden Aufträge wegen Covid-19 genannt. Dabei ist aber auffällig, dass genau in dieser Fabrik die Arbeiter*innenschaft entlassen wurde, wo es eine starke Gewerkschaft gibt. So wird die Corona-Krise auch genutzt, um Gewerkschaften zu schwächen oder ganz zu zerstören. Das Business-Modell von H&M setzt auf die Arbeit von jungen Frauen im globalen Süden, allem Anschein nach wird die Krise aber auch dazu genutzt, sich der Arbeiter*innen und ihrer gewerkschaftlichen Vertretung zu entledigen. Ein solches Vorgehen ist keinesfalls akzeptabel, die Aktivistinnen verteilten daher Informationen mit der H&M aufgefordert wurde, dafür zu sorgen,

  • dass Arbeiter*innen die vollen Löhne während der Corona-Schließungen bekommen,
  • illegale Entlassungen zurückgenommen werden und
  • Gewerkschaftsfreiheit garantiert ist;
  • dass Bestellungen in vollem Ausmaß bezahlt werden und in (wieder)geöffneten Fabriken die Gesundheit von Arbeiter*innen ausreichendend geschützt wird.

2013 kündigte H&M an, dass 850.000 Arbeiter*innen in den Zulieferfabriken ein existenzsichernder Lohn bis 2018 ausbezahlt werden wird. Mit dem vollmundig ausgerufenen Versprechen hat H&M vor fünf Jahren sein öffentliches Image aufpoliert. Wie sich nun herausstellt, ist außer leeren Worten nicht viel davon übriggeblieben. Die im September veröffentlichte Studie der Clean Clothes Campaign zeigt, dass die NäherInnen auch 2018 nur einen Bruchteil eines Existenzlohns bekommen....]

Unfassbar! Könnt ihr Manager*innen bei H&M es tatsächlich vertreten, dass ihr auf der einen Seite die katastrophalen Bedingungen in euren Zulieferfabriken in Asien kennt und es ÜBER JAHRE offensichtlich nicht schafft, diese zu unterbinden und auf der anderen Seite uns Konsument*innen in Europa mit euren schönen Werbungen weismachen wollt, wie nachhaltig ihr seid???

HIER können alle empörten Menschen die Petition „Turn around H&M“ der Clean Clothes Campaign unterschreiben.

Eins sei an dieser Stelle ausdrücklich gesagt: H&M ist nicht die einzige Marke, die diese schrecklichen Zustände in den Produktionsländern des Südens durch die Plazierung ihrer Aufträge mitzuverantworten hat und viel zu wenig macht, um diese zu unterbinden. Wenn ihr einen genaueren Einblick in die aktuellen Tätigkeiten bzw. Nicht- Tätigkeiten der vielen Marken bekommen wollt, dann schaut in den Fashion Checker der Clean Clothes Campaign.

Also, unsere Meinung zur Frage „Wird die Mode aus Corona lernen?“

Nein, wird sie nicht, denn sie ist Gewinn und Wachstumsgetrieben wie jede andere Branche dieser Welt auch. Die Nische der nachhaltigen Mode wird langsam und stetig wachsen, aber sie wird eine Nische bleiben, SOLANGE SICH DIE RAHMENBEDINGUNGEN UNSERES WIRTSCHAFTSSYSTEMS NICHT ÄNDERN. Das Schlimme daran: Wir haben nicht mehr lange Zeit für einen systemischen Wandel – Stichwort Klimakrise. Aber das ist Thema für einen anderen Blogbeitrag…

 

Im nächsten Blogbeitrag schauen wir uns genauer an, was die Ursache dafür ist, dass die Menschen mit dem staatlich festgesetzten Mindestlohn (viele Marken rühmen sich ja in ihren wunderschönen "Code of Conducts" damit, diesen zu zahlen, also eh Verantwortung zu übernehmen…) nicht leben können und was der Unterschied zwischen Mindestlohn und Existenzlohn ist.

Bis bald! Eure "Göttin"


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