Verkehrte Welt – Teil 1/3

Ausbeuterische Produktion muss in Zukunft teurer sein als faire!

Niemand kann sich heutzutage vorstellen, dass fair produzierte und fair gehandelte Produkte, die hohe soziale und ökologische Standards erfüllen, jemals billiger sein könnten als ausbeuterisch hergestellte. Es scheint selbsterklärend, dass Massenware, billiger Wegwerfjunk, aber sogar qualitativ hochwertige Produkte, die in den Ländern des Südens hergestellt werden, billiger sind.

„Logisch, weil die Arbeit im Süden billiger ist und weil es dort weniger Auflagen gibt.“,

so die allgemeine Begründung. Aber ist es tatsächlich logisch, dass Produkte, die im Süden produziert werden, billiger sind, weil dort niedrigere Standards herrschen? Ich behaupte: Nein, das ist nicht logisch. „Logisch“ bedeutet „folgerichtig“, „einleuchtend“. Ich bin der Meinung, es ist nicht einleuchtend, dass Ware aus Produktionen, die Menschen ausbeuten und ökologische Katastrophen für unseren gesamten Lebensraum Erde hervorrufen, so billig auf den Markt geschleudert werden darf – im Gegenteil, das ist vor dem Hintergrund der Klimadramatik „folgefalsch“.

Es ist unser aktuelles, kapitalistisches System, das diesen Missstand „zulässt“:

Es werden nur der tatsächliche Aufwand für die Produktion, die Handels- und Gewinnmargen und die Steuern und Abgaben (Transport, Zoll udgl.) im Verkaufspreis abgebildet, nicht aber die versteckten Folgekosten für Krankheit, mangelnde Bildung und globale Umweltschäden, die solche Produkte verursachen. Deshalb kann der sogenannte „freie“ Markt Billigstprodukte überhaupt anbieten. Wir freuen uns über Schnäppchen und realisieren nicht, dass wir in Wahrheit einen wesentlich höheren Preis für diese Produkte zahlen. Mein lieber Branchenkollege und Freund, Gert Rücker (JMB Fashion, Feldbach) hat einmal gesagt: „Es gibt keine billigen Produkte. Wenn wir den Preis nicht zahlen, zahlen ihn die Menschen in den Produktionsländern.“, und ich erweitere diese völlig richtige Aussage noch: „… und wir alle, weil wir alle die ökologischen Auswirkungen solcher Produkte zu spüren bekommen.“

Welche familiären/gesellschaftlichen Dramen entstehen, wenn Textilarbeiterinnen in Bangladesch mit dreißig Jahren an Erschöpfung sterben? Welche landwirtschaftlichen Folgen hat es, wenn sich indische Bauern umbringen, weil sie mit ihrer Arbeit ihre Familien nicht mehr ernähren können? Wer kommt für die Umweltschäden auf, wenn Flüsse und ganze Gegenden mit den giftigen Chemikalien aus der Leder- und Textilindustrie verseucht werden? Wo wird der CO2 Ausstoß der globalen Warentransporte eingepreist, der mit verantwortlich für die drohende Klimakatastrophe ist? Wer schafft neue Arbeitsplätze, wenn die europäischen Produktionsstandorte sterben, weil sie mit der billigen Konkurrenz aus Asien nicht mehr mithalten können?

Wir haben es in Europa geschafft, Mindeststandards und Regeln auf sozialer und ökologischer Ebene zu setzen (zum Beispiel die REACH Chemikalien- Verordnung, Arbeitsrechte und sonstige Sozialstandards). Darauf können wir sehr stolz sein. Aber wir haben einen wesentlichen Punkt außer Acht gelassen: Diese Regeln gelten für europäische Produktionsstandorte und für in Europa produzierte Waren, nicht für Waren, die außerhalb Europas produziert und in den europäischen Markt importiert werden. Für diese Waren gilt das sogenannte „Ursprungsprinzip“ oder „Herkunftslandprinzip“, das bedeutet: Es gelten die Gesetze und Regeln des jeweiligen Landes, in dem produziert wird. Wie in unserem letzten Blogbeitrag zum Thema „Mindestlohn versus Existenzlohn“ erörtert, wissen wir, was das zum Beispiel für Produktionen in Bangladesch bedeutet: Extreme Armut und ökologische Disaster, die das Weltklima anheizen.

Das Ergebnis: Textilien, die aus den Ländern des Südens kommen, enthalten oft Giftstoffe, die hier in Europa längst verboten sind (siehe die Detox Kampagnen von Greenpeace), dürfen aber dennoch hier verkauft werden. Arbeiter*innen in den Ländern des Südens werden so schlecht bezahlt, dass sie von ihrem Lohn nicht leben können und ihre Kinder mitarbeiten müssen anstatt in die Schule gehen zu können. Mangelnde Bildung ist besonders für arme Länder eine stetige Abwärtsspirale, die ein gutes Leben für alle immer unerreichbarer macht. „Wir schaffen Arbeitsplätze im Süden“ ist da wohl nicht das passende Argument der Unternehmen, die auf Basis dieser Missstände produzieren und selbst davon profitieren. Viele Konsument*innen glauben diesem Argument und meinen, die Menschen in den Ländern des Südens zu unterstützen, indem sie weiterhin kaufen. Wie oft hört man: „Na, wenn wir nicht mehr kaufen, dann geht es den Menschen ja noch schlechter.“ Wie falsch ist diese Argumentationskette? Viel richtiger wäre es, wenn sich die Auftraggeber verantwortlich für ihre Lieferant*innen fühlen und bessere Preise zahlen würden (ein paar Cent mehr pro T- Shirt würde den Näher*innen ein besseres Leben ermöglichen).  

Noch sind fair hergestellte Produkte teurer als ausbeuterisch produzierte,

obwohl sie weit weniger versteckte Kosten verursachen. Ich vermute, dass wir dieses Verhältnis komplett umdrehen könnten. Wenn die versteckten Kosten von Produkten aller Art in den Endverkaufspreis eingerechnet werden müssten, würden die heute billigen, unfair produzierten Produkte teurer. Wenn es zusätzlich dazu auch noch eine Art Bonus für fair produzierte Ware gäbe, könnten die Preise für faire Produkte sogar sinken. Damit wäre das Problem „Ich kann mir Bio und Fairtrade nicht leisten“ für viele Menschen der unteren Einkommensklassen nicht mehr vorhanden und es würde plötzlich heißen: „Ich kann mir nur noch Bio und Fairtrade leisten“. Der Preis würde sich am Markt komplett drehen und Produkte auf Kosten von Mensch und Umwelt würden langsam vom Markt verschwinden.

Das wäre eine Wirtschaft, die tatsächlich einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten könnte. Das wäre eine Wirtschaft, die es den Held*innen von heute - all den Unternehmen, die aus Überzeugung heute schon fair agieren, produzieren und handeln und aufgrund ihrer höheren Kostenstrukturen am heutigen Markt benachteiligt sind – leichter macht. Das wäre eine Wirtschaft, in der sich auch die unteren Einkommensklassen Fairtrade und Bio- Produkte leisten könnten. Das wäre eine enkeltaugliche, resiliente Wirtschaft im 21. Jahrhundert.

Was meint ihr dazu?

In unseren nächsten Blogbeiträgen werden wir uns mit möglichen Ansätzen beschäftigen, die das vorhandene Mißverhältnis korrigieren könnten.

eure Lisa Muhr


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